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Pandemie und Milch: Herausforderungen ohne Blaupause

Pandemie und Milch: Herausforderungen ohne Blaupause
Eine solch paradoxe Situation hat die Milchwirtschaft noch nicht erlebt. Als Folge der auch in Europa, Deutschland und Bayern grassierenden Covid-19-Pandemie, stehen auch die Akteure der Wertschöpfungskette Milch vor absolut neuen Herausforderungen, die ohne die oft hilfreichen Erfahrungswerte vorheriger Krisen gemeistert werden müssen. Gerade die kommenden Wochen, zumindest solange die Beschränkungen Bestand haben, werden eine gewaltige Herausforderung!


Es begann um die Jahreswende „weit weg“, in der chinesischen Millionenstadt Wuhan – und plötzlich war die Pandemie Ende Februar in Europa, in Norditalien, vor der bayerischen Haustür. Waren zu Beginn die Märkte nur über die stark einbrechenden Absätze und Preise im Pulverbereich betroffen, gab es nun einen direkten Einfluss auf wichtige Absatzwege der bayerischen Molkereien. Und die Spitze der Probleme ist jetzt fast erreicht, seitdem Bundes- und Landesregierungen Ausgangsbeschränkungen erwirkt haben. Nun sind sämtliche Warenströme auf den Kopf gestellt, nichts ist mehr wie es vorher war!


Veränderte Warenströme
Innerhalb kürzester Zeit wurden nicht nur der Milchmarkt, nicht nur alle Agrarmärkte, sondern die gesamte Gesellschaft mit eingespielten und strukturierten Abläufen einer kompletten Änderung unterzogen. Dadurch, dass das Verlassen der Wohnung nur noch aus „triftigen Gründen“ gestattet ist, die halbe Arbeitswelt auf Homeoffice umgestellt wurde, auch Schulen und Kindergärten geschlossen sind, keine Kaufhäuser und Systemgastronomen mehr geöffnet haben und Hotels und Gaststätten ebenfalls leer sind, hat sich auch der Absatz völlig neu geregelt. Über Jahre sich entwickelnde Nachfrage- und Handelsströme wurden abrupt unterbrochen oder zumindest gestört. Eine penibel erstellte Logistik wird zumindest zeitlich auf eine harte Probe gestellt. Und die Lieferketten, von der Erfassung der Milch auf den Betrieben bis hin zum Endverbraucher müssen trotz manch fragiler Einzelglieder - in der Regel der Faktor Mensch -  unter allen Umständen aufrechterhalten werden.


Der Lebensmitteleinzelhandel erlebt einen wahren Boom, Hamsterkäufe sind an der Tagesordnung. Zwar konnte mit dem unergründlichen Vorratskauf von Toilettenpapier – als Vorsorge einer eventuellen Erkrankung der Atemwege – kaum ein Produkt mithalten. Aber neben Nudeln, Zucker und Mehl waren auch haltbare Milchprodukte, allen voran H-Milch, Butter, usw. ebenfalls so stark nachgefragt, als ob Weihnachten und Ostern zusammenfallen würden. Dagegen ist der Absatz in der Gemeinschaftsverpflegung und der in den letzten Jahren dynamisch gewachsene Außer-Haus-Verzehr fast völlig zum Erliegen gekommen, der Export mehr oder weniger stark gestört.


Unterschiedliche Auswirkungen bei Molkereien
Bayerische Molkereien und somit auch deren Milcherzeuger sind von diesen geänderten Warenströmen so unterschiedlich wie noch nie in der Historie der bayerischen Milchwirtschaft betroffen: Kleine und vor allem spezialisierte Verarbeiter mit jahrzehntelangen, eigentlich „todsicheren“  Absatzwegen, z.B. in der Systemgastronomie wie McDonalds und Co. oder bei Möbelhäusern, sind ebenso betroffen wie Verarbeiter, die stark im Export unterwegs sind. Gerade Länder mit geringem Selbstversorgungsgrad von Milch wie vor allem Italien, aber auch Portugal, Spanien oder Griechenland, waren ein sicherer und naheliegender Absatzweg vor der Haustüre. Und dann ist ja immer noch der gestörte internationale Export, der nach wie vor alles andere als rund läuft, trotz mancher kleiner Signale. Da ist es oft weniger die Nachfrage, sondern die Probleme bei der Logistik, die die Lieferkette und somit das Verbringen des eigentlich nachgefragten Produktes zum Kunden erschweren. Andererseits profitieren aktuell auch einige bayerische Molkereien, die sich einer sehr engen Kooperation mit dem Lebensmitteleinzelhandel verschrieben haben - und jetzt Sonderschichten für die Nachfrage der Privathaushalte schieben  müssen, soweit Mensch und Maschine dies möglich machen.


Auch Absatzprobleme beim Schlachtvieh    
Leider sind die bayerischen Milchviehhalter neben der Vermarktung ihrer Milch auch über die Verwertung des Fleisches, vor allem der Verwertung der Altkühe massiv betroffen: Der Absatz von Kuhvordervierteln in die Systemgastronomie ist ebenso zum Erliegen gekommen wie der der Export nach Spanien für schwere Kühe oder nach Frankreich für Kuhpistolen. Somit wird Rindfleisch nur über den Lebensmittelhandel und von einigen Metzgern verkauft, kompensiert aber die ausfallenden Bereiche nur geringfügig. Deswegen kann über diese Schiene auch nicht dazu beigetragen werden, die Milchanlieferung etwas stärker einzuschränken und manche Belegungsdichte zu optimieren. Die zurückgegangenen Notierungen bieten dafür keinen Anreiz, obwohl eine Besserung im April auch nicht zu erwarten ist.


Preise für Butter und Käse angehoben
Bei all den derzeitigen und bei weitem noch nicht gelösten Problemen gibt es aber auch einige kleine Lichtblicke: Die Kontraktverhandlungen der Molkereien mit dem Lebensmitteleinzelhandel verlaufen zumindest nicht negativ, obwohl nach den relativ stabilen Marktparametern zu Beginn des Jahres die Erwartungen deutlich höher waren. Über den aktuellen Butterkontrakt hat der VMB in einem eigenen Beitrag dieser Tage berichtet. Auch die Kontrakte für Käse des Standardsortiments und der SB-Ware im Lebensmitteleinzelhandel, also für Gouda, Edamer, Butterkäse und den Eckartikel „250 g-Käseaufschnitt“, die in den vergangenen Wochen für eine sechsmonatige Kontraktdauer, von April bis September 2020, verhandelt wurden, sind dem Vernehmen nach mit einem Plus zum Abschluss gebracht worden. Zwar nicht in der Größenordnung, der zu Beginn der Verhandlungsrunde mit plus 50 Cent pro Kilogramm im Raum stand, aber trotzdem ein Milchpreis stabilisierender Faktor über die Absatzschiene Handel.


Und bei all den aktuellen Problemen nicht zu vergessen, sind die noch laufenden Verhandlungen über die Produkte der weißen Linie. Durch die Ankündigung von Aldi zu Beginn des Monats, die Preise wegen Corona absenken zu wollen, sorgte dies für Schlagzeilen in den Medien und trieb die Milcherzeuger schlagartig auf die Schlepper. Die Demos gegen Aldi waren wohl von Erfolg gekrönt, weil Aldi kurz danach kleinlaut geäußert hat, für die Kontraktperiode Mai bis Oktober 2020 die Trinkmilchpreise um 5 Cent pro Liter zu erhöhen. Bis heute aber ist nicht bekannt, ob auch die anderen Wettbewerber diesem gönnerhaften Entgegenkommen von Aldi folgen und ob diese Preisanhebung auch für die weiteren Produkte der weißen Linie, also Quark, Sahne, Kondensmilch usw. gilt.


Fazit und Ausblick
Nachdem das Niveau der Milchpreise über den Absatzweg „Lebensmitteleinzelhandel“ mit den vorliegenden Kontrakten eher in Richtung Stabilisierung geht, liegt in den kommenden Tagen und Wochen das Hauptaugenmerk der Bayerischen Milchwirtschaft auf dem Export im europäischen Binnenmarkt, aber auch auf einen wieder anspringenden Absatz in die Außer-Haus-Verpflegung. Aber das wird eben durch die Einschränkungen vor dem 19. April 2020 nicht möglich ein. Es sollte deshalb erwähnt werden: Angesichts der geschilderten Schwierigkeiten muss jetzt alles unternommen werden, dass jeder Liter Rohmilch von den Höfen abgeholt und einer Verwertung zugeführt wird. Eine seriöse Antwort auf die Entwicklung der Milchpreise kann es derzeit nicht geben. Diese werden wohl angesichts der unterschiedlichsten Verwertungen der Molkereien weiter auseinandergehen als bei bisher bekannten Milchkrisen. Eine pauschale Vorhersage "massiver Milchpreisrückgänge", dazu aus politisch motivierten Erzeugermund, ist aber unangebracht und vor allem kontraproduktiv.

 

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