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Lebensmittelhandel: "Unschuldslamm" bei Preisbildung?

In der recht aufgeregten Stimmungslage vor, während und nach der Grünen Woche, mit einem immensen medialen Aufschlag, rund um die Kürzungspläne der Ampelkoalition, ging eine Pressemeldung etwas unter, die gemeinsam vom Handelsverband Deutschland (HDE) und dem Bundesverband des deutschen Lebensmitteleinzelhandels (BVLH) in Umlauf gebracht wurde: "Preisbildung bei Lebensmitteln: Einzelhandel warnt vor Falschaussage in politischer Debatte". Kernaussage dieser gemeinsamen Pressemeldung: Dem Lebensmittelhandel kommt bei der Preisgestaltung von Lebensmitteln nur eine untergeordnete Rolle zu!
Bei dieser Selbsteinschätzung fühlen sich neutrale Beobachter wie unmittelbare Akteure der Wertschöpfungskette fast an den legendären Ausspruch des damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht erinnert, der nur zwei Monate vor Errichtung der Berliner Mauer noch beteuerte: "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten". Zu diesem Zeitpunkt war der Mörtel aber schon längst angerührt.
Nun sind die Fakten in der Wertschöpfungskette der Lebensmittel so eindeutig und erdrückend, dass am Umstand eines massiven Machtgefälle zugunsten des Lebensmitteleinzelhandels mit einem Marktanteil von knapp 85 Prozent der "big 4", also Aldi, der Schwarz-Gruppe, der Edeka-Gruppe und der Rewe, niemand einen ernsthaften Zweifel haben kann. Und dieses Machtgefälle nimmt noch beständig zu! Allein es fehlt an Lösungen und zielgerichteten Strategien, dieses massive Ungleichgewicht wieder etwas mehr in die Waage zu bringen. 
Viele Studien belegen dies, die letzte ist noch nicht einmal zwei Jahre alt. In dieser hat das renommierte Hamburger Beratungsunternehmen Lademann & Associates (L&A) festgestellt, dass die Hersteller von Lebensmitteln gegen die immer mächtiger werdenden Handelsunternehmen buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stehen, immer mehr in eine "strukturelle Abhängigkeit" geraten. Im Rahmen dieser Studie wurden zahlreiche Betroffene der Ernährungsindustrie anonym befragt. Als Ergebnis war dann sehr wohl von "Ausnutzen der Abhängigkeit" die Rede, von "Vorbedingungen", von "langen Zahlungszielen", von "gewünschten Kontrollbesuchen" und "Offenlegung von Kalkulationen" und insgesamt einem "hohen Droh- und Sanktionspotential" die Rede. Alles mehr oder weniger unlautere Handelspraktiken, die eigentlich auf der gesetzlichen Grundlage des Agrarorganisationen- und Lieferkettengesetz (AgrarOLkG) entgegnet werden könnte.
Es mag ja richtig sein, wenn die Handelsvertreter ihre eigene Rolle damit relativieren, dass der Export bei vielen Lebensmitteln, nicht nur im Milchbereich, eine mengenmäßig bedeutendere Rolle spielt als der Absatzkanal über den deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Doch wird wohl auch niemand wirklich  bestreiten, dass die Kontrakte der Herstellerseite mit dem LEH richtungsweisend sind für viele weitere Verwertungen. Und dass hier mit härtesten Bandagen agiert wird. Deswegen mutet die in Verantwortung des stv. Präsidenten des HDE und seit wenigen Monaten auch Präsidenten des BVLH, Björn Fromm, verfaßte Pressmeldung auch sehr realitätsfern an, jegliche Verantwortung bei der Preisgestaltung entrüstet von sich zu weisen. Da helfen auch die (eigen)imagefördernden Initiativen wie die Listung regionaler Produkte und das zunehmende Bio- und Tierwohlsortiment mit einer zumindest am Anfang höheren Wertschöpfung auch für die Erzeugerseite nicht wirklich weiter. Paradoxerweise ist Björn Fromm nicht nur Verbandslobbyist, sondern auch selbständiger EDEKA-Kaufmann. Und Edeka hat jüngst erst wieder bewiesen, wie man seitens des Handels als "Partner der Landwirtschaft" vorgeht: Nämlich mit der höchst überraschenden Ankündigung, demnächst seine Eigenmarken im Standardsortiment Käse mit Haltungsstufe 3 auszuloben - und dies ohne Aufpreis für die Verbraucherschaft. Auf Marge wird Edeka wohl langfristig nicht verzichten wollen, wird also wieder über den Preis gehen - über Preisdruck nach unten!

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