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Edeka provoziert bei Konsummilch

Es sind nur läppische zwei (2!) Cent, denen im Alltag kaum jemand noch große Beachtung schenkt. Es wird aktuell sogar über die Abschaffung der 1- und 2-Cent Münzen diskutiert. Aber im harten Wettbewerb des Lebensmittelgeschäftes können derartige Minibeträge der Ausgangspunkt für handfeste Streitigkeiten sein. Der Aggressor ist diesmal Edeka, das "corpus delicti" ESL-Milch.

Es ist beim Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ein ungeschriebenes Gesetz: Beim Einstandspreis gibt es nur einen, und zwar einen einheitlichen Preis für den Verbraucher: 1 Liter Trink- bzw. Konsummilch der so genannten Eigenmarken des LEH kostet bei Aldi genauso viel wie bei Lidl, Rewe, Edeka, Penny oder Netto. Und das gilt jeweils für die Dauer des jeweiligen Kontraktes: Bei der Konsummilch werden seit 2008 in der Regel Kontrakte über 6 Monate abgeschlossen: Von Mai bis Oktober und von November bis April.

Im vergangenen Jahr 2019 wurden bei den Kontraktverhandlungen zwischen Molkereien und dem LEH für Konsummilch zweimal geringfügige, vom VMB damals als "Almosen" kritisierte Preisanhebungen durchgesetzt:  Bei der Vollmilch, für die Kategorie ESL und haltbar, im Mai von 70 auf 71 Cent und im November von 71 auf 73 Cent pro Liter, bei der fettarmen Milch von 62 auf 63 Cent bzw. später dann von 63 auf 65 Cent pro Liter. Die Preisanpassung im Verkaufsregal verläuft üblicherweise so, dass Aldi auf der Grundlage der Verhandlungsergebnisse einen neuen Preis für die Verbraucher festlegt  und die Wettbewerber ziehen am kommenden Tag nach. Diese Preise haben dann für alle Wettbewerber Gültigkeit für die gesamte Laufzeit. Auch wenn in jüngster Vergangenheit vom LEH sogar die "billigen" Eigenmarken aus dem Segment Konsummilch befristet, also für die Dauer einer Woche zu Aktionspreisen offeriert wurden, haben sich die Lebensmittelhändler in den letzten Jahrzehnten konsequent an diese Vereinbarung gehalten.

Seit Anfang Februar, also mitten in der laufenden Kontraktperiode, ist nun Edeka zumindest bei einer ihrer Regionalgesellschaften aus diesem Agreement ausgeschert. Zur Erläuterung: Der eigentlich mittelständisch und genossenschaftlich geprägte EDEKA-Verbund unterteilt sich in insgesamt 7 Regionalgesellschaften (Südbayern, Nordbayern-Sachsen-Thüringen, Südwest, Hessenring, Rhein-Ruhr, Minden-Hannover sowie Edeka Nord). Diese sind zwar etwas eigenständiger als andere zentral geführte Lebensmittelketten, orientieren sich aber bei der Preisfestlegung vor allem der Eigenmarken wie "gut & günstig" an die Vorgaben der Zentrale in Hamburg. Ganz überraschend und ohne ersichtlichen Grund hat nun Edeka Südbayern, die vor allem die Regionen Schwaben, Oberbayern, Niederbayern und große Teile der Oberpfalz umfasst, Anfang Februar den Verkaufspreis bei der ESL-Vollmilch von 73 auf 71 Cent und bei der ESL-fettarmen Milch von 65 auf 63 Cent abgesenkt. Nachdem diese Preisrücknahme nach VMB-Recherchen nun bereits einen ganzen Monat Bestand hat, kann auch nicht von einer befristeten Rabattaktion gesprochen werden. Das hat System, kommt nicht überraschend oder gar zufällig, sondern ist ein strategischer Ansatz im harten Wettbewerb um Kunden vor allem beim hart umkämpften Segment Konsummilch.

Edeka kann seit einigen Jahren vor Kraft kaum laufen: Zuerst gingen 2010 die Läden des Tengelmann-Discounters Plus an Edeka und dessen Discount-Tochter Netto über. Noch nicht so lange her und auf Erzeugerseite in höchst unguter Erinnerung wegen des umstrittenen Ministererlasses des damaligen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel, ist die Aufteilung der Tengelmann-Läden selbst. Gabriel hatte die wettbewerbsrechtlichen Bedenken des Bundeskartellamtes überstimmt, die Tengelmann-Läden wurden zu einem großen Teil – neben einigen wenigen von Rewe - eben von Edeka übernommen. Und aktuell steht die Verteilung der kürzlich an einen russischen Investor verkauften real-Läden aus der Metro-Gruppe an, um die sich wieder Edeka mit Kaufland aus der Schwarz-Gruppe sowie auch Globus bewerben. Die Konzentration beim Lebensmitteleinzelhandel schreitet also aus Erzeugersicht in einem beängstigenden Maße weiter voran. Und Edeka ist ohne Zweifel einer der großen Profiteure in den letzten Jahren gewesen.

Über die Gründe des jetzt vom VMB recherchierten Vorpreschens von Edeka Südbayern kann derzeit nur spekuliert werden. Die Konkurrenz hat bisher noch nicht auf diesen aggressiven Preisvorstoß reagiert. Dort kosten dem Verbraucher die ESL-Konsummilch (Vollmilch und fettarm) weiterhin die im November festgelegten Preise von 73 bzw. 65 Cent/Liter, auch bei Preisprimus Aldi! Und ganz interessant: Die Variante H-Milch (Vollmilch bzw. fettarm) kostet auch in den Verkaufsläden von Edeka Südbayern nach wie vor 73 und 65 Cent pro Liter. Dass jetzt Gegenreaktionen der Wettbewerber erfolgen, steht ohne Zweifel bereits heute fest. Spätestens bei den in Kürze anstehenden Listungsgesprächen für die weiße Linie, die noch im März anlaufen werden. Und nach jüngsten Informationen der Lebensmittelzeitung drängt Aldi tatsächlich bei der Konsummilch und den weiteren Produkten der weißen Linie in diesem Jahr bereits Mitte März auf einen Abschluss, also 6 Wochen vor Ende des laufenden Kontraktes.

Zu möglichen Gründen für die Preisaktion von Edeka muss man als Marktbeobachter manchmal ganz genau hinschauen: Bis Mitte vergangenen Jahres wurden die Lager der Regionalgesellschaft Edeka Südbayern für das Segment ESL-Milch von der Kohrener Landmolkerei mit Sitz in Penig in Mittelsachsen beliefert. Die Herkunft ist zwar namentlich nicht ausgelobt, lässt sich aber mit dem ovalen Genusstauglichkeitskennzeichen DE SN 10583 leicht zurückverfolgen. Diese eigentlich sehr kleine, auf regionale Produkte fokussierte Molkerei ging im Juli 2019 insolvent, an deren Stelle trat bei Edeka Südbayern als Lieferant für ESL-Milch das Deutsche Milchkontor (DMK). Das DMK erregte dann auch unfreiwillig durch eine vorsorgliche Rückrufaktion für die fettreduzierte ESL-Milch wegen einer „undichten Dichtung“ im Oktober 2019 für mediales Aufsehen. Im September bereits wurde dann die sächsische Molkerei nach der erwähnten Insolvenz von einem Investor, mit Sitz in Wiggensbach im Allgäu, übernommen. Einer der dortigen Geschäftsführer ist der in der Milchbranche nicht unbekannte Rüdiger Fricke, der jetzt auch in der Geschäftsführung der „neuen“ Kohrener Landmolkerei sitzt. Ob die Wiedereinlistung der Kohrener Landmolkerei mit ESL-Milch bei Edeka Südbayern Anfang Februar mit einem niedrigeren Abgabepreis erreicht wurde, ist natürlich von außen betrachtet reine Spekulation. Der zeitliche Zusammenhang zwischen Wechsel des Zulieferers von ESL-Milch an Edeka Südbayern und der beschriebenen Preisrücknahme ist aber unbestritten.

Angesichts dieser Nickligkeiten unter den Akteuren des LEH sind dies nicht unbedingt gute Voraussetzungen für die kommenden Wochen mit den wichtigen Kontraktverhandlungen für Standardprodukte der gelben und weißen Linie. Dabei hatte der Übergang ins neue Jahr marktseitig berechtigte Hoffnungen bei den Milcherzeugern geweckt: Relativ schnelle Erholung der Spotmärkte und nicht nur EU-weit, sondern vor allem weltweit eine eher moderate Milchanlieferung, vor allem in Ozeanien. Es war also nicht nur Wunschtraum, dass die Milchpreise 2020 nicht nur stabil bleiben, sondern stetig, aber deutlich nach oben gehen würden. Und jetzt kommt zu all diesen versteckten und offenen Machtkämpfen beim LEH auch noch die Verunsicherung der Märkte durch den Coronavirus mit seinen in diesen Tagen noch nicht absehbaren und auch nicht abschätzbaren Folgen dazu. Bis heute hat der "Lebensmittelgipfel" bei Bundeskanzlerin Angela Merkel vor wenigen Wochen rein gar nichts geändert: Der Kampf der Lebensmittelhändler untereinander und gegeneinander auf dem Rücken der Erzeuger wird täglich härter geführt. Die aktuelle Senkung des Butterpreises um fast 30 Cent/kg ist ein weiteres bestes (oder eher ein schlechtestes!) Beispiel für diese Einschätzung, dass man auch das Gesetz von Angebot und Nachfrage noch unterbieten kann.

 

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