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Wir bayerischen Milchbauern

Heike Röthenbacher

führt mit ihren Eltern einen Milchviehbetrieb mit Laufstallhaltung. Sie findet, dass Verbraucher mehr über die Arbeit in der Landwirtschaft erfahren sollten.

Chefin von 115 Milchkühen

Tierwohl ist Betriebsziel  „Für manche negativen Diskussionen über die Arbeit der Milchbauern fehlt mir das Verständnis. Als Milchbäuerin sind meine Milchkühe doch meine Mitarbeiterinnen. Aus diesem Blickwinkel gesehen ist ein Betrieb mit guten Arbeitsbedingungen und gesunden Mitarbeiterinnen deutlich erfolgreicher, als einer, in dem sich schlecht um die Tiere gekümmert wird. Und dabei habe ich noch nicht mal erwähnt, dass uns das Wohl der Tiere persönlich wichtig ist. Natürlich gibt es wie in jedem Berufsstand schwarze Schafe; betriebswirtschaftlich ist ein solches Verhalten aber Unsinn. Mit Tieren, die sich gut fühlen und gesund sind ist der Verdienst höher. Gestresste Tiere geben deutlich weniger Milch.“

Landwirtschaftspolitik mitgestalten  „Den ersten Kontakt mit der Politik hatte ich 2009 bis 2011 während meiner Amtszeit als Bayerische Milchprinzessin. Damals hat mich beeindruckt, wie viele Menschen sich für Landwirtschaft interessieren. Kürzlich war ich Mitglied in der der vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium berufenen Junglandwirte-Kommission. Dort haben wir Zukunftsperspektiven für die Landwirtschaft formuliert. Warum ich mich so einbringe? Ich will für meine eigene Generation mitreden, Einfluss nehmen und verändern.“

Höfesterben und Regelungswut  „Natürlich kann und soll die Politik Gesetze erlassen, Dinge anstoßen. Wenn aber als Folge wegen fehlender wirtschaftlicher  Perspektiven Höfe aufgegeben werden, ist niemandem geholfen. In vielen EU-Nachbarländern wird unter deutlich schlechteren Tierschutzbedingungen als hier und darum auch billiger produziert. Das kann doch niemand wollen! Wenn die deutschen Bauern für Produkte mit hohen Tierschutzstandards tatsächlich mehr Geld erwirtschaften, hätten wir eine langfristige Perspektive. Es ist ein hohes Gut, dass wir Lebensmittel in Deutschland selber erzeugen können. Darum ist jeder Hof, der jetzt aufgibt, ein Verlust. Der Kuhstall, den wir wegen unbefriedigender Perspektive heute nicht bauen, wird bald fehlen. Als Folge werden wir von Ländern abhängig sein deren Produktionsbedingungen wir nicht steuern können. Viele junge Landwirte überlegen aktuell, ob sie sich wirklich über einen Zeitraum von 20 Jahren hoch verschulden. Ohne zu wissen, ob sie eine angemessene Einkommensperspektive haben werden.“

Wirtschaftsunternehmen Bauernhof  „Wir Bauern wirtschaften in ländlichen Regionen. Also da, wo es meist nicht so viel Arbeit gibt. Damit sind wir ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Allein unser Hof bietet drei Menschen Lohn und Arbeit. Und da sind die Firmen, bei denen wir einkaufen etc. noch gar nicht mit einbezogen.“

Dialog mit den Kunden  „Die Landwirtschaft sollte unbedingt offen bleiben für den Dialog mit den Kunden. Wir sollten fragen, was stört Euch, was sollen wir ändern? Ich glaube, die Auffassungen der Bauern und die der Kunden sind gar nicht weit auseinander. Umgekehrt möchte ich ebenfalls gehört werden. Am meisten fehlt ein Bewusstsein, dass wir als Unternehmer für Investitionen entsprechende Umsätze und Gewinne brauchen.“

Kühe sind Charakterköpfe  „Jede Kuh hat einen anderen Charakter. Unsere älteste Kuh ist die erste am Melkstand und schaut immer sehr interessiert, was im Stall passiert. Andere sind total schreckhaft. Selbst bei über 100 Tieren kenne ich jede einzelne, denn ich ziehe sie schon als Kälber auf. Wann Kühe zufrieden sind? Wenn jeder Tag gleich verläuft! Sie wollen immer das gleiche Futter haben oder zur exakt selben Zeit zum Melkstand gehen. Schon die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit ist ihnen unangenehm. Unsere Kuhrassen sind so ausgesucht, dass die Tiere am Ende ihres Lebens als Fleischlieferant geschlachtet werden. Auch das ist Teil des nachhaltigen Wirtschaftens.“

Faszinierender Beruf  „Die Arbeit mit den Tieren, die ruhige Atmosphäre im Stall, das ist für mich wie eine Entspannungsoase. Ich kann noch so angestrengt sein, im Kuhstall werde ich ruhig und gelassen. Als Landwirtin arbeite ich eng mit der Natur. Die Aufgaben wechseln im Rhythmus der Jahreszeiten. Mir war klar, dass ich den Hof weiterführen wollte. Meine beiden Schwestern haben einen ganz anderen Weg gewählt. Für meinen Berufswunsch absolvierte ich eine 3-jährige Ausbildung auf verschiedenen Milchviehbetrieben und das Praxisjahr im elterlichen Betrieb. Daran schloss die zweijährige Meisterschule und ein weiteres Jahr auf der Höheren Landbauschule Triesdorf an. 2013 bin ich mit Anfang 20 in den Betrieb eingestiegen.“

Klare Aufgabenverteilung  „Mit meinem Einstieg gab es eine Stallerweiterung; jetzt stehen die Kühe in einem Laufstall mit kleinem  Auslauf draußen. Dadurch konnte die Herde von 60 auf 115 Milchkühe vergrößert werden; so erwirtschaften wir ausreichend Einkommen für drei Personen. Aktuell geben die Tiere rund eine Million Kilogramm Milch pro Jahr. Das Futter wie Gras- und Maissilage, Heu, Stroh und Getreide, kommt überwiegend vom Hof. Die Milch geht an die Molkerei Zott in Mertingen. Zum Abnahmevertrag gehört, dass wir nur gentechnikfreie Futtermittel verwenden und ausschließlich europäische Futtermittel zukaufen dürfen. Sojafutter aus Übersee ist hier kein Thema.“ 

Arbeit und Freizeit  „Die Arbeitszeiten variieren sehr. Im Winter hat man früher Feierabend. Den Rhythmus des Tages bestimmen die Melkzeiten, morgens um 5:45 Uhr und nachmittags um 16:30 Uhr. Als Ausgleich nehme ich mir Zeit für Hobbies und meine Freunde. Ich spiele im örtlichen Posauenchor, treibe Sport und gehe sehr gerne in der Stille der Berge wandern. In diesen Zeiten der Pandemie vermisse ich wie alle anderen die privaten Treffen, unsere gemeinsamen Aktivitäten sehr.“

© VMB | Interview: Elke Hoffmann | Februar 2021 | Foto: Heike Röthenbacher

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