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Corona nicht nur eine Milchkrise

Die ersten gut 4 Wochen Hardcore-Corona-Zeit sind vorbei. Es war für das gesamte System Deutschland wie eine Vollbremsung aus voller Fahrt. Wie schon betont: Es gab für diese Situation für niemanden eine Blaupause. Somit war es für alle Beteiligten eine neue Lebenserfahrung im Crashkurs. Es  ging und geht in einer in dieser Dimension völlig neuen Situation ums Überleben und mit der verlorenen Normalität leben, für Gesellschaft und Wirtschaft – so auch für die Milchwirtschaft.

Man kann zumindest aus Sicht der Milcherzeuger konstatieren: Krise bisher gut überstanden, ganz gut gemanagt. Schlimme Bilder, soll heißen, das Vernichten des Lebensmittels Milch, wie in anderen Ländern geschehen, wurde  vermieden. Für die oberflächliche Wahrnehmung stachen vor allem die „Hamsterkäufe“ der Bevölkerung beim Lebensmitteleinzelhandel ins Auge. Der Milchpreis für den Monat März, den der VMB dieser Tage veröffentlichen konnte, weist sowohl bei der konventionellen wie bei der Biomilch noch Stabilität aus. So weit so gut. Und: Es konnte in den vergangenen Wochen inklusive der immer schwierigen Feiertage jeder Liter in Bayern erzeugte Milch trotz der unterschiedlichen Betroffenheit der Molkereien einer Verwertung zugeführt werden. Auch das „so weit so gut“.

Aber ganz so einfach wird es wohl nicht weitergehen, nachdem jetzt die weiteren politischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus bekannt sind. Die Absage von Oktoberfest  und Zentrallandwirtschaftsfest sowie weiteren überregionalen Großveranstaltungen,  ohne Möglichkeit der notwendigen Sozialdistanz, waren wirklich keine Überraschung. Aber von vielen anderen Bereichen mit Verköstigung außer Haus wird es abhängen, dass wieder etwas Schwung in den Absatz und etwas mehr Normalität in Wirtschaftsabläufe gebracht werden kann.

Leider verhält sich ein Teil der Milcherzeuger bzw. deren Vordenker immer noch so, als hätten wir es wieder einmal nur mit einer einfachen Milchkrise zu tun, die auch innerhalb des Sektors zu lösen ist. Im aktuellen Fall ist es eben anders: Die einschränkenden Maßnahmen für alle sind politisch verordnet. Es sind eben nicht nur die üblichen wenigen Prozent zu viel Milch am Markt, die das Fass zum Überlaufen bringen. Hier geht es zum Teil um komplette, über Jahre im positiven Sinne eingefahrene Absatzströme, die quasi von heute auf morgen weggefallen sind -  und die eben nicht mit ein paar Prozent weniger Milch behoben werden können. Milchanlieferung reduzieren, dies lautstark von der Politik einfordern, da man mit den eigenen Verbänden bisher gnadenlos gescheitert ist, und dann gleich EU-weit, damit ja kein Kollege  einen Vorteil für sich holen kann? Theoretisch nicht verwerflich, aber praktisch eben theoretisch! Und noch schlimmer: Es werden in Zeiten, in denen in jeder Branche Solidarität hilfreich wäre, wieder die üblichen Feindbilder in der Bauernschaft geschaffen: Wer nicht für den "einzig wirksamen Weg" ist, ist für keine Verbesserung.

Und es ist eben anders als die Milchkrise, deren Ursache wir vorwiegend in der vermeintlichen Exportorientierung der Milchwirtschaft gesehen haben. Jetzt trifft es alle, auch ohne nennenswerten Export, außer diejenigen, die für den privaten Verbrauch über den Lebensmitteleinzelhandel produzieren. Aber auch das reicht nicht, weil der Mensch privat nun einmal anders is(s)t als außerhalb seiner eigenen vier Wände. Und hier muss jetzt vor allem der Fokus auf die Gemeinschaftsverpflegung und den außer-Haus-Verzehr gelegt werden, die im Sinne der Gesundheit-geht-vor-Wirtschaft-Maxime trotzdem verantwortungsvoll wieder in Gang gebracht werden müssen. Jetzt, da sich der politische Nebel  lichtet und man davon ausgehen kann, dass mit gewissen Beschränkungen über Monate, wahrscheinlich bis Ende dieses Jahres gerechnet werden muss, müssen hier Zeitfenster aufgezeigt werden. Lebensmittel und auch die Milch wachsen eben nicht auf Bäumen. Das braucht Planung, auch auf den Erzeugerbetrieben, und das braucht Vorlauf! In diesem Bereich wird auch die Milchbranche aktiv werden, denn genau hier werden die dicken Bretter gebohrt, heißt Absatzmengen mit mehr Wertschöpfung als im privaten Verbrauch untergebracht.

Was kann in nächster Zeit auf der Milcherzeugerebene getan werden?  Ein paar  Prozent  weniger Milch zu liefern geht immer, auch wenn derzeit Rindfleisch von den einschränkenden Maßnahmen genauso betroffen ist.  Man muss also nicht unbedingt den Bestand abstocken, aber die Reduktion des Kraftfutters  bei den spätlaktierenden Kühen geht allemal und man kann auch einige Tage früher Trockenstellen, MLP-Abschluss und Herdendurchschnitt hin oder her. Und leider scheint derzeit auch das Schicksal von oben seine Hand im Spiel zu haben: Der Futteraufwuchs in diesem Frühjahr ist auch in "todsicheren" Niederschlagsgebieten mehr als bescheiden. Auch deswegen wird in so manchen Betrieben bereits eine alternative Planung einsetzen müssen. Nicht gefeit sein werden trotz aller Bemühungen Teile der Milcherzeuger von zumindest kurzfristigen Milchpreisanpassungen, denn bei vielen Molkereien waren in den vergangenen Wochen Teilverwertungen der Milch mehr als „bescheiden". In der Perspektive sind derzeit Markt- und Milchpreisprognosen - weder von Optimisten noch von den bekannten Schwarzmalern - nicht seriös. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber die reale Gewissheit ist derzeit eben eine andere!

 

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