08.08.2018

Veranstaltungen

Konsum: Nachfrage findet in Afrika statt

Mitte Juli tagten die Gremien der Süddeutschen Butter- und Käsebörse in Kempten. Neben der Sitzung im Ausschuss der Börse, in dem auch die VMB-Geschäftsführung vertreten ist, galt das Interesse vor allem der nachmittäglichen Mitgliederversammlung.
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Nach den Regularien und den Ausführungen zu den Marktentwicklungen im vergangenen Jahr 2017, durch Vorsitzenden LMR i.R. Heinz Hahn und Geschäftsführer Clemens Rück, stand dabei vor allem das Hauptreferat im besonderen Fokus: Über die Grenzen des Wachstums sprach Dr. Reiner Klingholz, Direktor Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: "Demografische Entwicklung in Deutschland und der Welt – Was hat die Milchwirtschaft zu erwarten?“ Und seine Aussagen waren so provokant wie nicht widerlegbar, auch wenn sie die Zukunft betreffen: „Pro Jahr wächst die Bevölkerung weltweit um etwa 80 Mio. Menschen“ und "Die Nachfrage findet in Afrika statt."
 
Wirtschaftswachstum und Bevölkerungsentwicklung sind eng miteinander verknüpft, so Dr. Klingholz. Er stellte fest, dass von 1900 bis 2000 das stärkste Wachstum stattgefunden hat, was die Menschheit je erlebt hat. In diesem einen Jahrhundert hat sich die Zahl der Menschen und somit der Verbrauch von 1,6 auf 6,1 Mrd. vervierfacht. Ein solches Wachstum lässt sich in den nächsten 100 Jahren allerdings nicht wiederholen, denn 24 Mrd. Menschen wären schlichtweg nicht zu versorgen, von anderen Problemen einmal abgesehen. Realistisch rechnet Klingholz für 2050 mit immerhin 9,8 Mrd. Menschen. Das wäre ein weiteres sehr starkes Wachstum von zusätzlich 3,7 Mrd. Menschen in nur 30 Jahren. Derzeit wächst die Bevölkerung um etwa 80 Mio. Menschen pro Jahr. Zum Vergleich aus Sicht des Standortes der Börse veranschaulichte er: „Alle fünf Stunden kommt weltweit einmal Kempten hinzu!“
 
Und weiter ging es mit den Zahlenspielen. In allen weitgehend gut entwickelten Ländern - und das sind weltweit immerhin über 80 Länder - bekommen die Frauen statistisch gesehen weniger als 2,1 Kinder. Bei mehr als 2,1 Kindern nimmt die Bevölkerung zu, bei weniger dagegen nimmt sie ab. Zu diesen Ländern gehören bereits jetzt erstaunlicherweise auch sogenannte Schwellenländer wie Indonesien, Brasilien und Vietnam. Jetzt kann auch dort schon die Bevölkerungszahl nur durch Zuwanderung einigermaßen gehalten werden. Ein ganz extremes Beispiel stellt dabei der Iran dar: Dort ging die Kinderzahl pro Frau innerhalb nur einer Generation von sieben auf 1,8 Kinder zurück. Gründe: Rasch fortschreitende Urbanisierung, aber auch deutlich bessere Bildung der Frauen.
 
Betrachten wir Deutschland: Hier ist die Entwicklung noch etwas extremer, die Kinderzahl geht seit den 70er-Jahren zurück. Sie liegt heute - nach einem Tiefpunkt von etwa 1,35 Kindern - bei 1,4 bis 1,5 Kindern pro Frau. Das bedeutet, dass etwa 350.000 Zuwanderer pro Jahr benötigt würden, um die Bevölkerungszahl einigermaßen stabil zu halten. Auf der bekannten "Bevölkerungspyramide", die schon längst nicht mehr die Form einer Pyramide hat, schiebt sich die Babyboomer-Generation der frühen 60er Jahre immer mehr in Richtung Ruhestand. Noch trägt diese große Bevölkerungsgruppe fleißig zur Wertschöpfung und zum Wirtschaftswachstum bei, zahlen kräftig Steuern und Sozialabgaben. Aber der Blick 10 Jahre voraus verheißt laut Dr. Klingholz nicht nur Gutes: Fachkräfte sind bereits jetzt Mangelware. Besorgniserregend ist aber, dass am Ende der nächsten Dekade jeder Rentenjahrgang doppelt so groß sein wird wie der der Berufseinsteiger.
 
Zurück zur Entwicklung der globalen Bevölkerung und somit der zukünftigen Verbraucherschaft: Das wirkliche Bevölkerungswachstum findet dabei im westlichen Asien, im Nahen Osten und in Afrika, hier vor allem südlich der Sahara, statt. Afrika wird bis 2050 seine Bevölkerung verdoppeln. Die Zahlen sind so beeindruckend wie besorgniserregend: Nigeria ist anderthalb mal so groß wie Frankreich und hat heute 180 Mio. Einwohner. 2050 werden es 400 Mio. sein. Frankreich steht heute bei nur 66 Mio. Einwohnern. Das vergleichsweise kleine ostafrikanische Land Tansania wird 2050 mehr Einwohner haben als das heutige Russland. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln findet also in Afrika statt. Nahrungsmittel nach dorthin zu exportieren, ist allerdings problematisch, weil die Kaufkraft vielfach fehlt und teilweise auch Märkte vor Ort negativ beeinflusst werden können. Unzufriedenheit, Krieg, Migration und Flucht werden zunehmen. Während die Wissenschaftler darüber schon seit Jahrzehnten forschen, sind Flüchtlinge seit nunmehr erst zwei Jahren Thema auf der politischen Agenda in Deutschland. Wenn einzelne Länder instabil werden und "implodieren", wie dies in Syrien der Fall ist, machen sich Flüchtlingsströme auf den Weg.
 
Fest steht allerdings: Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt. Auch höherwertige Produkte werden verstärkt nachgefragt, weil durch das Wachstum insgesamt auch der Wohlstand, zumindest in der Mittelschicht, trotz allem zunimmt. Es gibt hier viele Faktoren und regional große Unterschiede. Wohin könnte sich also ein Export auch von Milchprodukten lohnen und wohin eher nicht, stellte Dr. Klingholz in den Raum. Ende des letzten Jahrtausends war China das Land mit dem höchsten Bevölkerungswachstum. Die Volksrepublik China erlebt derzeit ihren bevölkerungspolitischen Höhepunkt. Die Einwohnerzahl Chinas fängt in den nächsten Jahren aber bereits an zu schrumpfen. Bis 2050 wird China rund 45 Mio. Bewohner verlieren. Nach 2050 wird sich dieser Rückgang noch deutlich beschleunigen. In Japan ist der Rückgang besonders eklatant: Dort werden bis 2050 vermutlich 40 Mio. weniger Menschen leben, und bis 2100 vielleicht 80 Mio. weniger. Heute hat Japan 128 Mio. Einwohner. Rein rechnerisch gibt es in 300 Jahren nur noch einen einzigen Japaner auf der Welt.
 
Übrigens geht die Bevölkerung langfristig auch in Indien und in Brasilien zurück. Ebenso wird Russland Einwohner verlieren. Zudem ist die Lebenserwartung hier bei Männern besonders niedrig, sie liegt bei nur 66 Jahren - in Deutschland sind es bekanntlich 78 Jahre. "Vielleicht sollten russische Männer mehr Milch und weniger Wodka trinken. Sicherlich würde sich dies lebensverlängernd auswirken", so Klingholz in seinem nicht ganz ernst gemeinten Schlusswort eines sehr nachdenklich stimmenden Vortrages.