16.05.2018

Lebensmitteleinzelhandel

Die Milchmenge ist (nicht) immer verantwortlich

Die Diskussion um die Ursachen des negativen Ausganges der jüngsten Kontraktverhandlungen der weißen Linie hallt immer noch nach. Bekanntlich wurden die Preise für deutsche Markenbutter angehoben, dagegen die Preise für Konsummilch und eine ganze Reihe von zum Teil sehr fettreichen Milchprodukten abgesenkt.
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Als Begründung für dieses Ergebnis wurde in ersten Stellungnahmen sehr lapidar die zu hohe Milchmenge am Markt angesprochen, was dann auch als die wesentliche Ursache in den Meldungen der allgemeinen Tagespresse aufgeschlagen ist. Tenor: Die Milchbauern sind selber schuld, wenn sie ein zu hohes Angebot in den Markt bringen, die sinkenden Preise seien die logische Konsequenz. Gerade in Fachkreisen, in denen man sich in Erzeugerkreisen gegenseitig selbst oder auch zwischen der Erzeuger- und der Molkereiseite gerne eine oberflächliche Betrachtungsweise und so genanntes Expertentum vorhält, sollte bei der Ursachenforschung etwas mehr Differenzierung möglich sein. Allerdings: Mit dem reflexartigen Argument, dass zu viel Milch verantwortlich sei, liegt man natürlich nie ganz daneben.
 
Eine Betrachtung der Mengenentwicklung der letzten Monate in Deutschland, der EU und auch weltweit lässt ein durchaus differenziertes Bild entstehen. Unbestritten ist, dass die Milchanlieferung in Deutschland Ende des vierten Quartals 2017 und auch zu Beginn diesen Jahres sehr deutlich über dem Vorjahr gelegen hat. Oft an anderer Stelle erwähnt, aber bei dieser Analyse vergessen, wird der Mengeneffekt durch die Milchreduzierungs- und Milchbeibehaltungsprogramme Ende 2016 und Anfang 2017. Die Anlieferungslinie von 2016 wurde nämlich - im Gegensatz zu 2017 - bereits Ende Januar 2018 wieder unterschritten, in der fraglichen Periode der Kontraktverhandlungen gab es allenfalls eine Seitwärtsbewegung bei der Milchanlieferung. Auch in den EU-Ländern beobachtete man überraschende Tendenzen: Wie die ZMP berichtet, hat der späte Wintereinbruch das Wachstum der Milchanlieferung im März deutlich gebremst. Die Anlieferung überschritt das Vorjahresniveau im Durchschnitt nur um 0,4 Prozent, nachdem im Januar noch 4,0 Prozent und im Februar nur noch 2,7 Prozent gemeldet wurden. Auffällig ist auch, dass sich in großen Milcherzeugerländern wie Frankreich, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden und auch sogar im expansiven Irland die Milchmengen unter das Vorjahr reduziert haben. Psychologischer Moment: Das Milchaufkommen ist damit hinter den Erwartungen der Marktbeteiligten zurückgeblieben. Und auch ein Blick nach Ozeanien unterstützt diese Beobachtung: Auch dort liegt die Erzeugung unter dem langjährigen Mittel. Einzig in den USA, als weiterer wichtiger Akteur auf den internationalen Märkten, wurde die Produktion merklich gesteigert. Dort geraten mittlerweile auch die Milchpreise unter Druck.
 
Fazit: Der Trend bei der Milchanlieferung war eher der Milchbauern "friend", also Freund. Warum dieser Rückenwind dann zu teilweise drastischen Preisreduzierungen, sowohl im April schon bei Standardkäse und im Mai bei der weißen Linie führte, ist daher nicht wirklich logisch. Nicht unerwähnt bleiben soll aber, dass in der heißen Phase der Kontraktverhandlungen die freiwerdenden Mengen durch die Pleite der Berliner Milcheinfuhrgesellschaft (BMG) die Rohstoffströme in Deutschland negativ tangiert haben könnten. Die Menge musste kurzfristig Verarbeiter finden - und hat dann einen Absatz gesucht.