31.01.2019

Lebensmitteleinzelhandel

Achtung: Die Russen kommen!

Als zukünftige Konkurrenz des in Deutschland übermächtigen Lebensmitteleinzelhandels hatte man in jüngster Vergangenheit eher den online-Händler Amazon auf der Rechnung. Die geben zwar weiterhin ordentlich Gas und errichten in Bayern und Deutschland flächendeckend Logistikstandorte und Verteilerzentren. Doch in den letzten Wochen richteten sich die Blicke auf einen ganz anderen möglichen Wettbewerber, der nun auch in Deutschland beim Kampf um Marktanteile mit einem radikalen "Ultra-Billigst-Konzept" Fuß fassen will: Die Discounter-Kette TS-Markt, deren Muttergesellschaft "Torgservis" im sibirischen Krasnojarsk beheimatet ist, hat wohl Gefallen am mitteleuropäischen Markt gefunden.
 
Eigentlich wollte man im Raum Leipzig bereits Ende vergangenen Jahres den ersten Markt auf deutschem Boden eröffnen. Und es sollen in einer ersten Expansionsphase - was auch immer Expansion auf russische Art bedeutet - insgesamt 100 Märkte auf deutschem Boden entstehen. Anscheinend gab es aber - wie man es sonst eher von der Deutschen Bahn hinlänglich kennt - deutliche "Verzögerungen im Betriebsablauf".
 
Jetzt war es aber soweit. Am Dienstag dieser Woche ist in Leipzig die erste Filiale eröffnet worden, ausgerechnet in einer ehemaligen etwa 1000 qm großen Aldi-Niederlassung. Was wurde den am Dienstag in Scharen gekommenen Verbrauchern nun in Leipzig im neuen Markt mit Namen "MERE" angeboten? Die Waren stehen - wie zu Urzeiten bei Aldi und Co. - in Kartons auf Paletten oder in einfachen Regalen. Dem Vernehmen nach zogen sich Schlangen von den drei Kassen bis ans andere Ende des Marktes, mehr als eine Stunde sind nicht wenige angestanden. Doch für was eigentlich nehmen die Kunden das in Kauf? Es gibt wohl kaum etwas, was in anderen Märkten nicht auch zu finden wäre. Aber halt: Die Preise jedoch sind vergleichsweise niedrig, noch niedriger als beim etablierten Discount. Aus Sicht der Milchwirtschaft: Die Packung Vollmilch mit 3,5 Prozent Fettanteil der tschechischen Marke "Madeta" kostet 62 Cent (Vergleich beim deutschen Discount: 70 Cent).  Noch größer ist der Preisabstand beim Käse: Pro 100 Gramm werden bei MERE 0,48 Cent verlangt, die Standardware beim deutschen Discount kostet derzeit um die 0,75 Cent. Das Angebot in den Kühltheken und Gefriertruhen ist überschaubar, aber eben - billig. Viele Artikel sind Importware, ein Großteil stammt aus Polen und Tschechien. Frisches Obst und Gemüse, aber auch - und das ist beruhigend - Joghurt, Butter oder auch Margarine fehlen indes.
 
Dass es ein russischer Lebensmittelhändler ausgerechnet in ein Land wagen will, das den Discounter quasi erfunden und zum Leidwesen der Erzeugerseite fast perfektioniert hat, wo die Verbraucher von jedem Billigladen trotz Tiefstpreise auch noch Topqualität erwarten, verwundert schon. Geht es vor allem im Lebensmittelbereich wirklich noch billiger? Wenn also besagter Wettbewerber aus der russischen Kälte nach Deutschland kommt, müssen sich dann selbst Aldi, Lidl und Co. warm anziehen? Als Werbespruch ist übrigens der Slogan "Jeden Tag nur Tiefstpreise" gefunden. Und dass es anscheinend immer noch billiger geht, konnte man bereits bei Läden in der Nähe der rumänischen Hauptstadt Bukarest erleben. Dort kosten Produkte aus dem Basisbedarf wie Milch, Salz, Kaffee oder Nudeln bis zu 20 Prozent weniger als bei der benachbarten Konkurrenz von Aldi und Lidl!
 
Wirtschaftsfachleute bescheinigen MERE übrigens keinen Erfolg, das Konzept werde sich nicht rechnen. Im Gegensatz zur deutschen Konkurrenz fehle es dem Supermarkt an Masse und Verhandlungsmacht. So würden in Deutschland selbst 100 Filialen nicht ausreichen, um wirtschaftlich zu sein, meinen Insider. Zuletzt hatte vor Jahren das mit großen Ambitionen gestartete US-Unternehmen Wal-Mart in Deutschland ein Debakel erlebt. Aber aus Erzeugersicht ist schon interessant, wie noch immer das Wort "billig" die Massen elektrisiert. Regionale Herkunft, geprüfte Qualität, Rückverfolgbarkeit, Nachhaltigkeit, ein besonderer Blick auf das Tierwohl - alles Fehlanzeige. Auch die beim Verbraucher so wichtige Produktionfopramtion dürfe so manchen überfordern: Die Produkte sind gar nicht immer in deutsch beschriftet, der manchmal so sensible Verbraucher kauft die Lebensmittel quasi wie die berühmte Katze im Sack. Die weitere Entwicklung wird aus Erzeugersicht wachsam zu beobachten sein.
 

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